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Autor: Christoph Berk, Düsseldorf
Da habe ich also mal wieder Pech gehabt dieser Tage. Also jetzt nicht Pech in dem Sinne, dass die Apokalypse an die Tür klopft und sagt: Hallo, Freund, das wär’s dann also!, sondern mehr ein Malheurchen à la am Strand liegen, eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, man fängt an zu frieren, denkt an den Pullover auf dem Sessel zu Hause und da fällt einem ein, dass man die Wohnungstür nicht abgeschlossen hat.
Anders gesagt: Ich bin nicht Weltmeister geworden. Ich ganz allein.
Wir sind Papst, das weiß man ja bereits, und wir hätten Weltmeister werden können, gemeinsam, denn auch der Erfolg hat zwar immer nur einen biologischen Vater, ist aber in aller Regel mit so vielen freigiebigen Patenonkeln, Lebensabschnittsgefährten und Wochenend-Daddys ausgestattet, dass er stets als von allen gewolltes Gemeinschaftsprodukt durchgeht.
Niederlagen hingegen pflegen das Kollektiv zu parzellieren wie die Wiedervereinigung den Gemeinsinn unserer ostdeutschen Mitbürger, sagen die Mitbürger jedenfalls, weshalb es die einschlägigen Befindlichkeitsfachblätter ja auch scharfsinnig unterlassen haben zu formulieren: „Wir sind nicht Weltmeister geworden!“, und auch „Wir sind WM-Dritte!“ war nirgendwo zu lesen
. Das ist aber kein Grund zum Jammern, denn das Jammern, diese typisch deutsche Untugend, das solle man als Deutscher doch lassen, heißt es von offizieller und zur Förderung der Binnennachfrage berufener Stelle, und statt dessen lieber vertrauensvoll in die Zukunft blicken, denn, und hier wendet sich der Text ins Trostreiche, auch wenn wir nicht Weltmeister sind, bin ich ja immerhin noch Deutschland, ein erheblich nüchterneres, aber unzweifelhaft langlebigeres Attribut als die in aller Regel mit einem 4-jährigen Verfallsdatum ausgestattete Titelträgerschaft. Andererseits ist es wohl gerade diese Kurzlebigkeit, die viele Menschen mit mehr Vergnügen an das Weltmeister-Sein denken lässt als an das Deutsch-Sein, obwohl letzteres das eigene Leben in recht vielen Dingen, erstes das eigene Leben aber in überhaupt keinem Punkt berührt.
Nun bin ich aber zu allem Überfluss und als Träger zweier Pässe nicht nur Papst, WM-Verlierer und Deutschland, sondern auch noch die Schweiz, was mir weitere Optimismuspflichten auferlegt und mich überdies zu einem sehr weiträumigen Identitätenträger macht. Nicht so weiträumig freilich, wie wenn jemand eine, sagen wir mal, kanadische und eine russische Identität in sich herumtrüge. Der könnte ja, bildlich gesprochen, seine hoffnungsfrohen Blicke noch tausende von Meilen weiter in die Ferne senden, wo meine vom Watt verschluckt werden oder am Matterhorn zerschellen. Macht aber nichts, denn andere kommen nur bis zum Bodensee, und so darf ich vermuten, wahrscheinlich doppelt so frohgemut in die Zukunft schauen zu können wie die Masse meiner Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Und was sehe ich da, in der Zukunft südlich des Bodensees?
Richtig. Deutschland wird Europameister. Und mit Deutschland meine ich natürlich uns alle.